Die Geschichte der Bourdeaux-Familie

Dragonaden

Nur wenige Jahre nach Beginn seiner Regentschaft setzte der französische König Ludwig XIV. immer brutalere Mittel ein, um eine einheitliche katholische Staatskirche zu erzwingen.

Der im Jahr 1681 erstmal bekannt gewordene Einsatz von Dragonern als gestiefelte Missionare, sollte die Feinde der wahren Religion zur Konvertierung zwingen. Der Intendant der Region Poitou, Marillac, verteilte seine Soldaten bevorzugt in protestantische Häuser, deren Bewohner die einquartierten Dragoner zu versorgen hatten. Den Soldaten war offiziell erlaubt, zu plündern und zu quälen. Ging den Gastgebern das Geld aus, wurden ihre Möbel verkauft, weigerten sie sich, wurden sie misshandelt und gefoltert. Kinder wie Alte, Frauen und Männer. Wenn es dann zur Abschwörung gekommen war, zogen die Soldaten weiter zum nächsten Haus.

Durch diese ersten Dragonaden kam es in der Region Poitou innerhalb weniger Monate zu ca. 38.000 Abschwörungen. Für viele war das nur ein äußerliches Zeichen, ihren protestantischen Glauben behielten sie trotzdem und pflegten ihre Riten heimlich und im Verborgenen.

In nebenstehendem Bild, einer Karikatur aus dem 17. Jahrhundert, werden sechs Mittel gezeigt, die eingesetzt wurden, um die Abschwörung von den Irrtümern Calvis zu erreichen:

1. Mittel: roue = das Rad 2. Mittel: cachot = der Kerker
3. Mittel: bastonnade = die Prügelstrafe 4. Mittel: potence = der Galgen
5. Mittel: galere = die Galeere 6. Mittel: bûcher = der Scheiterhaufen
Der Geistliche hällt einen Zettel mit dem Namen Marillac in der Hand.

Der Lehrer Jean MIGAULT (1644-1707), der mit seiner Familie in der oben erwähnten Region Poitou lebte, schrieb 1689 nach geglückter Flucht die schrecklichen Ereignisse der Dragonaden in seiner Heimat und die Abenteuer der Flucht in einem Journal nieder, das er seinen Kindern hinterlassen hat.

Die Familie lebte seit Februar 1681 in Mougon, wo Jean lecteur in seiner Gemeinde war. Im Sommer desselben Jahres kamen die Dragoner in die Stadt:

Wir stellten fest, daß die Soldaten nur bei Personen von unserer Religion untergebracht wurden und daß sie ihre Gastgeber erst dann wieder verließen, wenn sie sie ruiniert hatten. Sie wohnten niemals bei den Papisten.1

Am 22. August 1681 wurden auch bei ihm Soldaten einquartiert. Von seinen 12 Kindern waren bis auf den Jüngsten alle auswärts untergebracht und sicher versteckt. Nachdem sie abgelehnt hatten zu konvertieren zogen nach und nach 15 Dragoner ein und verlangten Essen und Geld. Als sich Jean zu Nachbarn begab um jemanden zu finden, der Lebensmittel einkaufen könnte, warnte man ihn davor zurück in sein Haus zu gehen, was seinen sicheren Tod bedeutet hätte.

Mit großer Verzweiflung wusste er seine Frau alleine der Kompanie von Dämonen ausgeliefert. Nachdem die Dragoner verstanden hatten, dass Jean nicht wieder zurückkommen würde, begann man sie zu foltern. Doch sie blieb standhaft.

Sie schickten sie sogleich an eine Ecke des Kamins und holten Mengen von Holz und brannten ein Feuer an, das man bis zur Mitte des Raumes spüren konnte, obwohl der sehr groß war. Sie warfen auch einige Holzmöbel ins Feuer2 … Die Glut des Feuers war derart unerträglich, daß selbst die Männer nicht die Kraft besaßen, beim Kamin zu bleiben. … Diese bewundernswerte Frau verlor nicht einen Moment ihre Seelenruhe, da sie den kannte, an den sie glaubte. Sie vertraute ihrem Heiland all das an, was sie beunruhigen oder peinigen konnte. Sie widerstand mit genauso viel Milde wie Festigkeit den wiederholten Aufdringlichkeiten, durch die man sich einbildete, sie zwingen zu können, die Religion zu wechseln, bis sie, nachdem sie das Bewußtsein verloren hatte, endlich gegenüber den Beschimpfungen und Beleidigungen dieser erbärmlichen Menschen nicht mehr empfindlich war.3

Letztendlich konnte die Frau von Jean von katholischen Nachbarn gerettet werden. Sie versteckte sich in einem Wald, wo sie dann auch wieder mit ihrem Mann zusammentraf.

Nochmals zogen die Dragoner ein, nochmals gelang es allen sich zu verbergen. Die Soldaten verwüsteten das Haus, zertrümmerten Türen und Fenster.

Der Familie war alles genommen, aller Hausrat durch die Dragoner verkauft oder zerstört, alles Geld verloren. Am 28. Februar 1683 starb diese tapfere Frau nach der Geburt ihres 14. Kindes.

Im September 1685 erfolgte die nächste Dragonade, die erneut allen wiederbeschafften Besitz vernichtete. Es gelang Jean jedoch vorher alle seine Kinder bei befreundeten Familien sicher unterzubringen. Der Heimat beraubt zog Jean von Ort zu Ort, versteckte sich wo immer es nur möglich war.

Die Dragoner waren beinahe überall und besuchten die Häuser jeden Tag, deren Bewohner man in Verdacht hatte, daß sie mit denen Mitleid hätten, die standhaft in unserer Religion bleiben wollen.4

Bald mussten die Verstecke der Kinder wieder aufgegeben werde, Höhlen dienten ihnen zweitweise als Unterkunft. Jean wurde Anfang Februar 1686 in La Rochelle, wo er sich aufhielt um eine Fluchtmöglichkeit zu finden, inhaftiert und mehrere Wochen festgehalten. Die Sorge um seine Kinder war so mächtig, dass er den einzigen Ausweg in der Abschwörung sah. Wieder sammelte er seine Kinder ein und wieder war es schwierig für alle ein Versteck zu finden, weil alle Freunde und Verwandten Angst hatten.

Im zweiten Anlauf gelang schließlich am 19. April 1688 die Flucht. Nach 19 Tagen stürmischer Seefahrt landet Jean Migault mit seinen Kindern auf der Insel Voorne in den Niederlanden.

Jean Migault heiratete in Amsterdam erneut und wurde nochmal Vater zweier Kinder. Am 22. August 1696 erfolgte die Berufung als Lehrer nach Emden. Dort starb er 1707.

Vier Jahre vorher verfasst Jean Migault ein Testament, das von 11 Zeugen unterschrieben ist, einer dieser Zeugen war unser Vorfahre Isaac BOURDEAUX.


1KRUMENACKER, Yves: Das Journal von Jean Migault, Bad Karlshafen: Verlag DHG 2003, S.21.
2ibid., S. 25.
3ibid., S. 85.
4ibid., S. 46.

Zum Weiterlesen
  (franz.) Journal de Jean Migault Paris 1825, Münchener Digitalisierungs Zentrum (Stand: 24.02.2018).
  Hörbuch: Tagebuch eines Hugenotten (MP3-Download).
Veröffentlicht am

 nach oben