Die Geschichte der Bourdeaux-Familie

Die Familie de [la] BASSECOURT

Wir haben aus den Kirchenbüchern der wallonischen Kirche in Amsterdam erfahren, dass 1664 der 25-jährige Weinhändler Isaac BOURDEAUX aus Soubise die 27-jährige Marie [de la] BASSECOURT aus Köln heiraten will.

Wer ist diese Familie, aus der die Braut unseres Urahn abstammt?

Folgen wir zunächst der Angabe, dass die Braut "aus Köln" um 1637 gebürtig ist.

Seit frühester Zeit gehört Köln der römischen Kirche an und ist bis heute Erzbistum. Die Reformationsbewegung konnte dort keinen Fuß fassen, die Entstehung von protestantischen Gemeinden war lange nicht möglich. 1520 verbrannten die Kölner zu Ehren des Kaisers, der dem Erzbistum gerade einen Besuch abstattete, öffentlich vor dem Dom die Schriften des Ketzers Martin Luther. Neun Jahre später, am 28. September 1529 wurden auf der Kölner Hinrichtungsstätte zwei Anhänger Luthers als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sie gelten als die ersten deutschen Märtyrer der Reformation1.

So war es den protestantischen Einwohnern Kölns und den Zugezogenen nur möglich, sich heimlich zu ihren Gottesdiensten zu treffen, stets an wechselnden Orten. Misstrauisch beobachtet von den katholischen Kölnern war es ihnen ab 1571 trotzdem gelungen, vier protestantische Gemeinden zu gründeten, deren Mitglieder sich aber nur im Geheimen treffen konnten: Zuerst entstand 1571 eine niederländisch-reformierte Gemeinde, 1572 folgte die Gründung einer hochdeutsch-reformierten Kirche. 1575 fand sich eine deutschsprachige lutherische Gemeinde zusammen und als jüngste Gemeinde entstand um 1600 eine französisch-reformierte/wallonische Gemeinde innerhalb der Stadtmauern. Dieser Zustand hielt noch die folgenden 250 Jahre an2.

Nur außerhalb des Erzbistums Köln konnten sich protestantische Gemeinden offiziell einrichten. Im Jahr 1564 entstand in Volberg eine Gemeinde, 1610 in Mülheim, 1672 in Frechen und Delling und 1775 in Gladbach (heute: Bergisch-Gladbach)3.

Wir finden in Köln den Namen BASSECOURT erstmals am 5. Juni 1613 in den Protokollbüchern der wallonischen Gemeinde von Köln und Mülheim4 mit folgendem Wortlaut:

Herr Fabricius Bassecourt ist nach seiner Ankunft am 1. Mai vom Gremium der Gemeinde gehört worden. Er hat die Brüder zufrieden gestellt und ist als ihr Minister aufgenommen worden, und zwar für ein Jahr, mit dem Versprechen seitens der Gemeinde, ihm jährlich 600 Gulden zu zahlen und 50 Gulden für die Vorauszahlung der Miete seines Hauses.

Im Januar 1614 bestätigt der Pastor und ordentlicher Minister Fabrice de la BASSECOURT5 durch seine Unterschrift, das Predigeramt für die Gemeinden in Köln und Mülheim ausüben zu wollen.

Fabrice, in Mons katholisch getauft, kam um 1600 erstmals mit dem Gedankengut der Protestanten in Berührung. In seiner Biografie wird beschrieben, dass er bei Amtsantritt in seiner Pfarrgemeinde Saint Germain in Orléans unter dem Bett Unterlagen und handschriftliche Notizen seines Vorgängers fand, die ihn zum Nachdenken über die Römische Kirche brachten. Dies führte 1603 zur Konversion. Über seine Beweggründe verfasste Fabrice eine Erklärung, die 1604 in Straßburg auch in deutscher Sprache gedruckt wurde6. Kurze Zeit später kehrte er aus Angst vor Verfolgung und aus familiären Gründen wieder in die Römische Kirche zurück. Reisen durch die Niederlande und Studien an der Universität von Louvain in Sedan brachten 1606 schließlich die endgültige Umkehr zum protestantischen Glauben. Seine Motive zur Konversion sind in deutscher Übersetzung 1618 in Amberg gedruckt worden7.

Ab 1607 war Fabrice de BASSECOURT als protestantischer Prediger in Metz und betreute die Gemeinden in Rauwiller, Goerlingen und Verprich aux Bois. Anschließend erfolgte die Berufung nach Köln.

Aber wie auch sonst die vor ihm im Amt gewesenen und nach ihm gekommenen Pastoren der reformierten Gemeinden in Köln blieb auch Fabrice nur wenige Jahre dort. Er beendet sein Pastorenamt im Juli 1616, um nach kurzem Aufenthalt in Kleve ab 9. Mai 1617 in Amsterdam bis zur Emeritierung am 16. Februar 1650 in der wallonischen Kirche zu dienen. Am 29. April 1650 stirbt Fabrice und wird 4 Tage später hochgeachtet in seiner Kirche in Amsterdam beigesetzt.

Eintrag im Kirchenbuch Amsterdam
Auszug aus dem Kirchenbuch der Wallonischen Kirche Amsterdam

Fabrice de BASSECOURT war zwei Mal verheiratet. Aus der zweiten Ehe gingen 10 Kinder hervor: Zwei wurden in Rauwiller geboren, Sohn Nicolas in Köln, in Kleve eine Tochter, die noch jung in Amsterdam starb. Noch weiteren sechs Kinder kamen in Amsterdam zur Welt, das letzte Kind im Jahr 16268.

Marie, die erste Ehefrau von Isaac BOURDEAUX, soll, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, um 1637 in Köln geboren sein. Zu dieser Zeit aber war Fabrice bereits in Amsterdam. Es kann davon ausgegangen werden, dass Sohn Nicolas, in Köln geboren am 22. November 1613, im Alter von 3 Jahren zusammen mit seinen Eltern nach Amsterdam gekommen ist.
Wenn die vorgefundenen Angaben in den Dokumenten richtig sind, muss es in Köln also noch eine weitere Familie BASSECOURT gegeben haben, die auch der unten erwähnten Abstammung zugerechnet werden kann.

Als 1665 die Tochter aus der Ehe Marie de [la] BASSECOURT und Isaac BOURDEAUX getauft wird, ist Nicolas de BASSECOURT, der ab 1650 im Amt des Predigers der wallonischen Gemeinde Amsterdam seinem Vater nachfolgte, als Taufpate genannt. Und auch der Name der Taufpatin könnte ein nützlicher Hinweis sein: Marie RICHARD.

In Köln heirateten am 2. Oktober 1635 Jean de BASSECOURT, geboren in Mons (Belgien)9 und Judith RICHARD, geboren in Köln. Ihnen wird eben dort am 22. August 1636 eine Tochter geboren und auf den Namen Judith getauft. Ist das vielleicht die ältere Schwester von Anne? Ist Marie RICHARD eine Tante von Anne? Wir wissen es nicht. Die Quellen schweigen beharrlich ...

Zur Abstammung der Familie BASSECOURT lässt sich noch mitteilen, dass sich die katholischen Vorfahren bis Mitte des 15. Jahrhunderts auf einen laboureur Jean BASSECOURT zurückverfolgen lassen. Charles, der Urgroßvater von Fabrice, Vogt von Orchies, war Oberbefehlshaber der Armee von König Philipp II. von Spanien10, der ihn im November 1581 in den Adelsstand erhob. Sein Erstgeborener, Charles l'aîné, war Bogenschütze bei Philipp II., ebenso wie dessen Sohn Jean, dem Vater von Fabrice.

Der Familienname BASSECOURT kann abgeleitet werden von den französischen Wörtern basse-cour. Nebenstehendes Bild verdeutlicht die Bedeutung: Die Turmhügelburg (rechts im Bild) diente gleichzeitig der Verteidigung und als Wohnstätte für den Gutsherrn. Sie war durch einen Pfahlzaun und einem Wassergraben geschützt. Die Erde für den Hügel gewann man durch das Ausheben des Grabens. Ebenerdig am Fuß des Hügels befand sich der landwirtschaftliche Betrieb, der Hof des Gutsherrn, ebenfalls durch Pfahlzaun und Wassergraben geschützt. In diesem unteren Hof (basse-cour) wohnten die Landarbeiter neben Ställen und Scheunen. Bei Gefahr flüchteten sich die Bewohner der Umgebung in den unteren Hof.


1URL: http://kirche-koeln.de/doc/clarenbach.pdf (Stand: 22.12.2017).
2URL: http://kirche-koeln.de/doc/Geschichte_faltbl.pdf (Stand: 22.12.2017).
3URL: http://kirche-koeln.de/doc/200J_DP.pdf (Stand: 22.12.2017).
4LÖHR, Rudolf: Protokolle der Wallonischen Gemeinde Köln von 1600-1776, Köln: Rheinland-Verlag 1975.
5Eigentlich "de BASSECOURT". Pastor Fabrice ergänzte irgendwann zu "de la BASSECOURT".
6URL: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10910024-8 (Stand: 01.01.2018).
7URL: http://data.onb.ac.at/ABO/%2BZ185391505 (Stand: 01.01.2018).
8RIEMSDIJK, Adriaan van: Fabrice de Bassecourt, Priester en dominee, Delft: Eburon 2015.
9Auch Fabrice ist in Mons geboren (1578) und hat einen Bruder mit Namen Jean. Doch passt diese Generation altersmäßig nicht zu den dokumentierten Fakten in Köln.
10Philipp II. von Spanien (1527-1598) bekämpfte als tiefgläubiger Katholik die Ausbreitung des Protestantismus in seinem Königreich. Dies führt u.a. zu langanhaltenden brutalen militärischen Auseinandersetzungen mit den Niederlanden (Spanisch-Niederländischer Krieg 1568-1648).
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Portrait von Fabrice de la Bassecourt
Fabrice de la BASSECOURT

 

Wallonische Kirche in Amsterdam (© privat 2016)
Wallonische Kirche Amsterdam

 

Basse Court
  Turmhügelburg mit "Basse Court"