Die Geschichte der Bourdeaux-Familie

Reformation

Die Reformation kann nicht als ein Augenblicksgeschehen betrachtet werden, vielmehr ging ihr eine sich über Jahrhunderte hinziehende Entwicklung voraus.

Der englische Theologe und Bibelübersetzer John Wyclif (vor 1330-1384) war als Kirchenreformer ein wesentlicher Vordenker. Er lehrte eine Theologie, die sich allein auf die Bibel stützte und kritisierte öffentlich das Verhalten der römischen Kirche. Seine Anschauungen und Lehren verbreiteten sich über die Universitäten und erreichten dabei u.a. auch den tschechischen Reformator Jan Hus (1369-1415), der während des Konstanzer Konzils (1414-1418) als Ketzer zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde.

Auch die Erfindungen von Johannes Gensfleisch, besser bekannt als Johannes Gutenberg (1400-1468), haben erheblichen Anteil an der Durchsetzung der Reformation. Durch das von ihm entwickelte und verfeinerte Druckverfahren mit beweglichen Metallettern um 1450 und dem Einsatz einer Druckerpresse war es möglich, größere Mengen an Schriften und Büchern in schneller Abfolge zu erzeugen. Dieses moderne Verfahren förderte die Verbreitung der neuen Lehre enorm. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden überall in Europa, von Deutschland ausgehend, Druckereien.

Als die Osmanen am 29. Mai 1453 Konstantinopel eroberten, war das Ende des Byzantinischen Reiches gekommen. Viele Wissenschaftler, darunter auch griechisch sprechende Gelehrte, verließen das Land, im Gepäck fast vergessene antike Schriften. Bald schon wurde an den Universitäten Europas wieder unter Einbeziehung griechischer Sprache und Literatur studiert. Auch das in griechischer Sprache geschriebene Neue Testament gehörte aus wissenschaftlichem Interesse dazu. Klar, dass dabei das unübersehbare Fehlverhalten der römischen Kirche jener Zeit und ihre Lehre im Gegensatz zum Inhalt des Neuen Testaments auffallen mussten.

Der Philosoph Erasmus von Rotterdam (1466-1536) wird als bedeutendster Vertreter des europäischen Humanismus und als bahnbrechender Kritiker der kirchlichen und weltlichen Autoritäten seiner Epoche bezeichnet, ein christlicher Ethiker und Pazifist1. Zweifelsfrei war auch er ein wichtiger Wegbereiter der Reformation.

Seine 1509 entstandene Satire Lob der Torheit ist seinem Freund Thomas Morus in England gewidmet. Ein Auszug daraus beschäftig sich mit jenen Frommen,

… welche den törichten, doch beruhigenden Glauben sich beigelegt haben, wer die geschnitzte oder gemalte Polyphemsgestalt des Christophorus anschaue, sei selbigen Tages gegen den Tod gefeit, oder wer eine steinerne Barbara mit den vorgeschriebenen Worten grüße, werde unverletzt aus der Schlacht heimkommen, oder wer dem Erasmus an bestimmten Tagen mit bestimmten Kerzchen mit bestimmten Gebetlein nahe, sei im Nu ein gemachter Mann. …
Und andere erst! Die bauen auf vermeintlichen Ablaß ihrer Sünden und fühlen sich dabei schon im Himmel; die Dauer des Fegfeuers berechnen sie wie mit der Uhr auf Jahrzehnt, Jahr, Monat, Tag und Stunde genau, wie nach der Rechentabelle, fehlerlos.2

Als eine herausragende und prägende Person der Reformation muss Martin Luther (1483-1546) genannt werden. Er scheute nicht den theologischen Disput mit der römischen Kirche. Beide Seiten beschimpften sich in hasserfüllten Pamphleten. Der Auslöser für die Veröffentlichung seiner 95 Thesen war die unermessliche Geldgier des Medici-Papstes Leo X., den Luther als des Teufels Sau bezeichnet haben soll3.
Wie allen anderen Reformatoren stand für ihn das Wort der Bibel im Mittelpunkt und er machte es sich zur Aufgabe, dies in verständlicher Sprache jedermann zugänglich zu machen. Trotz seiner Grobschlächtigkeit fand er Unterstützung von frommen Fürsten in Deutschland, die sich schützend vor ihn und seine Anhänger stellten. Was in Deutschland begann, fand schnell seinen Weg weit über die Grenzen hinaus. Auch nach Frankreich.

Die Liste von Reformatoren und Vorreformatoren ließe sich noch um viele bedeutende männliche wie auch weibliche Persönlichkeiten ergänzen. Ich möchte dieses Kapitel aber nicht abschließen ohne auf den französischen Reformator Johannes Calvin, dem Vater der reformierten Kirche 4, eingegangen zu sein. Seine Form des Protestantismus setzte sich in Frankreich durch.

Jean Cauvin wurde 1509 in der französischen Stadt Noyon geboren. Von seiner Mutter im katholischen Glauben unterwiesen, wurde er zum Grundstudium nach Paris geschickt. Auf Wunsch seines Vaters studierte er anschließend Jura in Orléans, wo er mit dem Humanismus in Kontakt kam und Anhänger Luthers kennen lernte. Nach Abschluss des Studiums und dem Tod seines Vaters ging er nach Paris zurück, um sich nunmehr nur noch dem humanistischen Studium zu widmen. In dieser Zeit hatte er weiterhin intensive Kontakte zu Protestanten. Infolge einer öffentlichen Äußerung zur lutherischen Lehre mussten Calvin und seine Freunde aus Paris fliehen. In seinem Exil, wohl auch durch den anhaltenden Kontakt zu reformatorisch Denkenden, hat sich Calvin entschieden, der reformierten Lehre zu folgen. Als er über Straßburg schließlich Basel erreichte, widmete er sich intensiver theologischer Studien und verfasste dort das wohl wichtigste Werk der reformierten Theologie: Institutio Christianae Religionis, das 1536 gedruckt wurde.

Im selben Jahr baute er auf Bitten der Stadtobersten in Genf eine reformierte Kirche auf, erarbeitete ein strenge Gemeindeortung und führte die Kirchenzucht ein. Aber schon nach kurzer Zeit kam es deswegen zu Auseinandersetzungen. Daraufhin verließ Calvin Genf und predigte als Pastor in der Straßburger Flüchtlingsgemeinde. 1540 heiratete er dort.

Ein Jahr später bat ihn der Rat der Stadt Genf erneut um seine Unterstützung. Nachdem die Stadträte ihm die gewünschten Zugeständnisse machten, übernahm er zusammen mit Théodore de Bèze und Guillaume Farel wieder die Kirchenleitung. Seine Methoden blieben umstritten, besonders der als Kirchenzucht praktizierte Ausschluss vom Abendmahl. Auch sein Verhalten 1553 in der Angelegenheit des als Ketzer gesuchten und später hingerichteten spanischen Arzt, Humanisten und Theologen Michael Servetus bleibt bis heute unverständlich und umstritten.

1564 starb Johannes Calvin in Genf, geachtet als erfolgreicher Kirchenreformer und angesehener Theologe5.


1BIRNSTEIN, Uwe: Who is Who der Reformation, Freiburg i. Breisgau: Kreuz 2014, S. 380-383.
2Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit, Übersetzung Dr. Alfred Hartmann, Wiesbaden: Panorama o. J., S. 81.
3REINHARDT, Volker: Luther, der Ketzer, München: C. H. Beck 2016, S. 328.
4BIRNSTEIN, Uwe: Who is Who, a.a.O., S. 99.
5ibid., S. 101.

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